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Interview: Sport und Triathlon in Israel

Vor meiner Reise nach Israel habe ich mich mit Dr. Anne Maximiliane Jäger-Gogoll über Israel und die dortige Sportkultur unterhalten. Sie lehrt unter anderem am Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung an der Philipps-Universität in Marburg – so habe auch ich bei ihr ein Seminar belegen dürfen und sie als Israel-Expertin kennen und schätzen gelernt. Im Interview erfahrt ihr mehr über Sport in der israelischen Gesellschaft, die Historie, beliebte Sportarten und welchen Stellenwert Triathlon einnimmt. Das Interview ist deutlich länger als sonst, da die politischen und gesellschaftlichen Lage und Historie allerdings viele Erklärungen benötigt, war dies nicht zu vermeiden. Ich hoffe ihr lest es trotzdem gerne! 🙂

Triathlove: Welchen Stellenwert nimmt Sport in der israelischen Gesellschaft ein?

Dr. Anne Maximiliane Jäger-Gogoll: Sport ist in Israel im öffentlichen Diskurs und in den Medien sehr präsent, ebenso wie auch hierzulande manchmal mit ähnlichem Gewicht wie die Themen Wirtschaft oder Politik. Das gilt insbesondere für den Fußball, aber etwa auch für Basketball oder Schwimmen und natürlich für sportliche Großereignisse wie die alle vier Jahre stattfindende Makkabiade, den jährlichen Jerusalem Marathon oder das sehr populäre See Genezareth-Schwimmen, das schon seit mehr als sechzig Jahren praktiziert wird und jedes Jahr Tausende Schwimmerinnen und Schwimmer anzieht.

Tatsächlich reichen Geschichte und Tradition des Sports in Palästina/Israel schon bis weit vor die israelische Staatsgründung im Jahr 1948 zurück. Sport und Körpertraining gehören zu einem guten Teil zur Idee des Zionismus, die ja nicht nur einen jüdischen Staat in Palästina propagierte, sondern in diesem Zusammenhang auch neue Leitbilder für das formuliert hat, was als „neu-jüdisch“ oder eben: als „israelisch“ angesehen werden sollte. Hierzu gehört ganz wesentlich eine Abkehr von allem, was mit Ghetto-Mentalität und Verfolgungsgeschichte zu tun hat, also auch die Entwicklung körperlicher Kraft als Voraussetzung für eine Kultivierung des Landes im Zuge des zionistischen Projekts einschließlich der Aneignung kämpferischer Fertigkeiten durch paramilitärisches Training. Insofern gehört Sport schon früh zum zionistischen Ideen- wie auch Handlungsfeld dazu, was man auch an den Gründungsjahren der bekanntesten jüdisch-zionistischen (später: israelischen) Sportverbände ablesen kann: Maccabi wurde bereits im Jahr 1906 gegründet, HaPoel 1926 und Betar Jerusalem 1936. Dass die öffentliche Finanzierung des Sports wie auch der Sportunterricht an Schulen in den ersten Jahrzehnten Israels trotzdem viel weniger Aufmerksamkeit erfahren hat, als nach dem Gesagten zu erwarten, steht auf einem anderen Blatt.

Was allerdings unbedingt dazugesagt werden muss: In den 1920er und 1930er Jahren war der Sport im Gebiet des damaligen britischen Mandatsgebietes Palästina keineswegs nur eine Angelegenheit der jüdischen Bevölkerung oder der Zionisten. Vor 1948 existierten in der Region auch viele arabische Sportclubs, die der Arabischen Sportföderation in Palästina angegliedert waren. Wie fast das gesamte kulturelle Leben der arabischen Bevölkerung verschwanden aber auch die arabisch-palästinensischen Sportorganisationen nach der israelischen Staatsgründung (die für die Palästinenser ja als „Nakba“, also als „Katastrophe“, in Erinnerung geblieben ist), erst einmal so gut wie vollständig von der Bildfläche. Heute spielen im israelischen Sport aber zunehmend auch arabisch-israelische Sportlerinnen und Sportler eine Rolle, in etlichen Fußballmannschaften gibt es arabische Spieler, es existieren auch wieder arabische Fußballclubs, der erfolgreichste darunter Bnei Sakhnin. Auf der Ebene von Schulen und lokalen Projekten wird außerdem vermehrt auf das friedensbildende Potential des gemeinsamen Sporttreibens gesetzt, da gibt es sehr interessante Initiativen.

Gibt es so etwas wie eine Vereinsstruktur im Land? Gehört Sport genauso wie in Deutschland auch zur Schulbildung?

Wie schon gesagt, hat es schon von den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts an eine Vereinslandschaft in Palästina gegeben, die in Israel weiterentwickelt wurde und heute viele große Clubs mit ihren verschiedenen Unterorganisationen umfasst. Gezielt wird auch in Teenager-Sportclubs Talentsuche und -förderung betrieben, teils mit staatlicher, oft aber auch mit Unterstützung durch private Finanzierung. An staatlichen Schulen gehört Sportunterricht in Israel ebenso wie in Deutschland zum Standard.

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Bei den Besuchen von Dr. Anne Maximiliane Jäger-Gogoll in Israel darf ein Abstecher an den Strand in Tel-Aviv natürlich nicht fehlen.

Welche Sportarten sind dort vor allem im Fokus?

Den ersten Platz nimmt in Israel zweifellos der Fußball ein, der, wie die lange Vorgeschichte der großen Fußballvereine zeigt, schon zu Zeiten des britischen Mandats eine wichtige Rolle gespielt hat. Daneben sind aber auch Basketball, Schwimmen, Marathon und Tennis populäre Sportarten – wie übrigens, vor allem seit der großen Einwanderungswelle aus GUS-Staaten in den 1990er Jahren, auch Schach: Boris Gelfand, der Schachweltmeister des Jahres 2009, ist Israeli belarussischer Herkunft. Im hiesigen Zusammenhang darf natürlich auch die in Moldawien geborene Nina Pekerman nicht unerwähnt bleiben, die israelische Triathlon-Staatsmeisterin der Jahre 2004 bis 2007 und 2009. 

Sind Frauen in Israel gleichberechtigt oder gibt es Unterschiede in der Anerkennung von Frauen und Männern – auch im Hinblick auf ihre Leistungen im Sport?

Mit der Frage nach der Gleichberechtigung von Frauen ist es ja immer so eine Sache. Da klaffen Anspruch und Realität oft auseinander, man denke nur an die nach wie vor eklatanten Unterschiede in der Bezahlung von Frauen und Männern, die auch in Deutschland (hier beträgt die Differenz immer noch stolze 22 %!) nach wie vor Tatsache ist. Wenn man sich die zionistischen Ideale der Gründergeneration Israels vor Augen stellt, vor allem die kommunitären Ideen der Kibbutz-Bewegung und ihre mediale Repräsentation, die Frauen wie Männer in kurzen Hosen und Arbeitshemd zeigt, wie sie gemeinsam ihrer schweren Arbeit wie auch der militärischen Verteidigung ihrer Errungenschaften nachgehen, scheint die Gleichberechtigung von Frauen in allen Lebensbereichen in Israel zumindest der Idee nach eine Selbstverständlichkeit. Tatsächlich sieht das hier wie überall natürlich etwas anders aus, und es gibt gewaltige Unterschiede, die auch mit der Herkunft, der sozialen Gruppe und/oder der jeweiligen religiösen Orientierung zu tun haben.

Was den Sport angeht, hat eine neue Studie von drei israelischen Sportwissenschaftlerinnen aufgezeigt, dass die Beteiligung von Frauen in Wettkämpfen und Sportorganisationen innerhalb der vergangenen drei Jahrzehnte sehr stark zugenommen hat und gegenwärtig fast gleichauf mit der Beteiligung von Männern liegt. Dennoch ist es immer noch so, dass sowohl die Förderung des Mädchen- und Frauensports als auch die öffentliche Aufmerksamkeit dafür deutlich weniger entwickelt ist bei dem von Männern betriebenen Sport. Ein Projekt, das sich um die weitere Involvierung von Frauen in sportlichen Aktivitäten und eine verbesserte öffentliche und mediale Wahrnehmung des Frauensports kümmert, ist das 2007 gegründete NPWS (National Project for Women and Sports). Ein Ereignis wie der jährliche Frauen-Triathlon in Herzliya ist hier aber auch ein ganz wichtiger Faktor.

Ein besonderes Thema hinsichtlich der Beteiligung und Wahrnehmung von Frauen im israelischen Sport ist die Förderung sportlicher Aktivitäten unter arabisch-palästinensischen Frauen, die von offizieller Seite wenig Beachtung findet. Dennoch ist hier in den letzten Jahren das Bewusstsein für die Bedeutung von Sport auch nach dem Ende der Schulzeit gewachsen, einzelne arabisch-palästinensische Sportlerinnen – wie etwa die Mittelstreckenläuferin Duaa Suliman Khatib – konnten in israelischen Wettkämpfen Rekorde aufstellen. Neben individuellen Sportarten gewinnt aber auch der Mannschaftssport unter arabisch-palästinensischen Frauen und Mädchen an Boden, wie etwa die vor wenigen Jahren gegründeten Frauen-Fußball- und Basketballmannschaften in Iksal (in der Nähe von Nazareth) zeigen.

Inwiefern fördert das Land Israel seine Sportler? Gibt es so etwas wie Sportförderung, wie wir es in Deutschland kennen?

Für Sportpolitik ist in Israel das Ministerium für Kultur und Sport zuständig, ein relativ kleines Ministerium, das in dieser Form 2009 gegründet worden ist. Vorher war die Sportpolitik zeitweise mit im Aufgabenbereich des Bildungsministeriums bzw. des Ministeriums für Wissenschaft und Technologie untergebracht. Sport wird also durchaus staatlich gefördert, wobei gerade auch beim Bau und Erhalt von Sportanlagen und Infrastruktur neben lokalen Behörden auch private Initiativen und Zentren eine wichtige Rolle spielen. Ein großer Teil der sportlichen Aktivitäten wie auch die jährlich vergebenen Preise für herausragende sportliche Leistungen werden übrigens aus dem Erlös der staatlichen Lotterie finanziert.

Es gibt einige größere Sportveranstaltungen in Israel, im Triathlonbereich beispielsweise den Israman. Ist das „nur“ positive Imagepflege des Landes oder ist Israel einfach ein Sportland?

Ich denke, es ist beides richtig. Natürlich tragen große und vor allem internationale Sportveranstaltungen in Israel dazu bei, das Image des Landes als modern und weltoffen zu befördern. Die israelische Regierung legt großen Wert auf positive Imagepflege und investiert hier auch beachtliche Mittel, was angesichts der Lage im Land und der auch innerhalb Israels immer wieder heftig kritisierten Besatzungspolitik im Westjordanland ja durchaus nötig ist. Aber neben der schon erwähnten Tatsache, dass der Sport in Palästina/Israel eine lange Tradition hat, muss man auch bedenken, dass Israel von Beginn an in ganz extremer Weise ein Einwanderungsland war und immer noch ist, in dem Menschen und Menschengruppen unterschiedlichster Herkunft – nicht nur aus Ost- und Westeuropa und den USA, sondern auch aus vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas – in die Gesellschaft integriert werden müssen oder besser: die Gesellschaft aus diesen Bevölkerungsgruppen überhaupt erst gebildet wird. Hier kann der Sport nicht nur auf ein großes Begabungspotential zurückgreifen, sondern auch eine ganz wichtige Rolle im gesellschaftlichen Integrationsprozess spielen, von der Schule über den Verein bis hin zum Spitzensport. Insofern könnte man sagen, dass Israel seine Eigenschaft als Sportland eigentlich noch viel mehr kultivieren könnte, als es gegenwärtig der Fall ist.

Es kommt immer wieder in der Region zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Sie kennen das Land sehr gut. Warum lohnt sich dennoch eine Reise in das Heilige Land?

Ein Teil der Antwort liegt schon in der Frage. Die Formulierung „Heiliges Land“ enthält den Hinweis darauf, dass die Region Palästina für drei Weltreligionen, von denen zwei sogar ihren Ursprung hier haben, die heiligsten Stätten beherbergt. Hier findet sich also ein ungeheurer Reichtum an historischen und kulturellen Zeugnissen aus verschiedenen Kulturen und Zivilisationsformen von der prähistorischen Zeit an bis heute. Das Land ist immer umkämpft gewesen – als Schwelle zwischen Afrika, Asien und dem Mittelmeer, zwischen „Ost“ und „West“, als Gegenstand von Herrschafts- und Einflussinteressen der Kolonialmächte und der westlichen Industrienationen an dieser Schnittstelle zur arabischen Welt, was sich bis in die israelische Staatsgründung und die Gegenwart des israelisch-palästinensischen Konflikts hinein fortsetzt. Mit seiner von Immigration aus den verschiedensten Gegenden der Welt geprägten Bevölkerung und dem damit einhergehenden Potential wie auch als in dieser Form wohl einmaliges politisches Projekt ist Israel mit all seinen Schattenseiten ein faszinierendes Land – auch wenn man wünschen würde, dass es mit anderen politischen Mitteln eine friedliche Existenz anstrebte, als das momentan der Fall ist. Man kann in die Region nicht reisen, ohne dem Konflikt zu begegnen, es ist ganz unmöglich und wäre auch falsch, das auszublenden. Ihn besser zu verstehen, gehört aber auf jeden Fall auch zu den „lohnenden“ Aspekten, die man sich bei einer Israel-Reise auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Vielen Dank für Ihre Zeit und das aufschlussreiche Interview!

Fotos: Israelisches Tourismusministerium (Titelbild: Rennradgruppe in Galiläa) / privat (Porträt: Dr. Anne Jäger-Gogoll)

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2 Comments

  • Reply
    Johannes M. Becker
    27. Mai 2016 at 11:00

    Ein starkes, inhaltsreiches Interview. Wofür ich danke!
    PD Dr. Johannes Maria Becker, Universität Marburg

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